Rund 4000 Schweizer reisten 2006
als Touristen nach Burma - dies trotz dem Aufruf der
Opposition, das von einem Militärregime regierte
Land in Südostasien zu meiden. Der Ökonom Christian
Laesser vertritt die Meinung, dass der Tourismus
nicht nur auf die wirtschaftliche, sondern auch auf
die politische Entwicklung eines Landes Einfluss
nimmt.
Herr Professor Laesser, die
brutale Vorgehensweise der Militärregierung Burmas
gegen die Zivilbevölkerung und friedlich
demonstrierende Mönche hat letztlich auch eine
touristische Dimension. Wie stark unterstützt ein
nach Burma reisender Tourist das Militärregime?
Christian Laesser: Der Reisende
wirkt auf ein Regime insofern stabilisierend, als er
Devisen ins Land bringt. Es gilt aber zu
unterscheiden, etwa wenn Burma mit anderen
totalitären Regierungen verglichen wird. Im
Gegensatz zu Kuba zum Beispiel, wo der Tourismus
eine hochentwickelte Branche darstellt, ist der
Tourismus in Burma kein grosses Geschäft. Es sind
meistens Kleinstbetriebe, etwa Familien, die Gäste
unterbringen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit
Burmas vom Tourismus ist minimal, was wiederum zu
einem marginalen Interesse der Regierung diesem
Wirtschaftszweig gegenüber führt. Trotzdem:
Touristen wirken für ein Militärregime
stabilisierend, in Burma können sie aber auch
destabilisierend sein, weil es immer auch zum
Austausch zwischen Reisenden und Einheimischen kommt.
Dennoch: Müsste die Schweizer
Tourismusindustrie Burma nicht boykottieren - vor
allem auch, weil Oppositionelle dazu aufrufen, das
von einem Militärregime regierte Land zu meiden?
Ein Boykott, egal welcher Art, ist
für mich erst dann angebracht, wenn der Dialog zum
Erliegen gekommen ist. Die Tatsache, dass das
Militärregime Touristen zulässt, was ja immer auch
mit einer gewissen Gefahr verbunden ist, zeigt, dass
die Dialogbereitschaft in Burma noch nicht ganz
erloschen ist, unabhängig von den zu verurteilenden
Vorkommnissen der vergangenen Tage. Wenn die
Reiseveranstalter zum Burma-Boykott aufrufen würden,
müssten auch Länder wie China gemieden werden -
generell Länder, denen die persönliche Freiheit des
Individuums und demokratische Strukturen abgehen.
Zudem glaube ich nicht, dass ein Boykott der
Tourismusindustrie merkbare Auswirkungen in Burma
hätte, da es im Land selber kaum touristische
Strukturen gibt.
Interessant ist, dass die
Schweizer, gemessen an der Gesamtbevölkerung, laut
der «NZZ am Sonntag» zu den wichtigsten
Kundenkreisen des burmesischen Tourismus zählen.
Haben die Schweizer weniger Skrupel, Länder wie
Burma zu bereisen?
Nein, der Grund ist ein anderer.
Unser Reisemarkt ist sehr entwickelt, die
Schweizerinnen und Schweizer sind reiseerfahren und
haben damit die Fähigkeit, sich in Ländern zu
bewegen, die andere Nationalitäten noch eher meiden.
Zudem spricht der Schweizer Tourist stark auf
Angebote an, wie sie speziell in Burma existieren,
also auf wenig industrialisierte Produkte.
Und was glauben Sie, warum sind
etwa die Briten touristisch praktisch nicht in Burma
vertreten?
Burma ist weder ein Markt für
Pauschalangebote noch für die klassische Backpacker-Szene
- in beiden Bereichen sind die Briten
verhältnismässig gut vertreten. In Burma übernachtet
der Tourist dagegen primär in Kleinbetrieben,
ausserhalb der Städte. Zudem orientiert sich der
Brite bei der Wahl seiner Reisedestination noch
immer stark am Commonwealth.
Lässt sich mit Tourismus auch an
der politischen Situation im jeweiligen Reiseland
rütteln?
Ja, denn Tourismus bedeutet immer
auch kulturellen Austausch. Diese Interaktion führt
zu einer anderen Wahrnehmung von Dingen - insofern
hat der Tourismus auch Einfluss auf die politische
Lage eines Landes. Spürbar ist dieser Einfluss, im
Unterschied zu einer allfälligen
Wirtschaftsentwicklung im Ferienland, aber erst
langfristig. Der Tourismus hat etwa in den früheren
Ostblockländern dazu beigetragen, den Übergang in
eine mehr oder weniger demokratische, gegen aussen
offene Welt zu erleichtern.
Interview: Jan Mühlethaler
Christian
Laesser ist Professor für Tourismus und
Dienstleistungsmanagement an der Universität St.
Gallen.